Die wesensgemäße Bienenhaltung

In der heutigen Zeit unterliegen Bienen durch den anthropogenen Einfluss auf die Umwelt einer weit höheren latenten Belastung als dies noch vor ein paar Jahrzehnten der Fall war. Seit den 80er Jahren hatte die Einschleppung der Varroamilbe aus Südostasien verheerende Folgen auf die Bienen. Monokulturen, Unkrautvernichtung, Schädlingsbekämpfung und Umweltgifte rauben den Tieren ihre Lebensgrundlage, schwächen sie und machen sie anfällig für Krankheiten.

Erschwerend hinzu kommt, dass Imker in der konventionellen Imkerei einem starken kommerziellen Druck ausgesetzt sind, den sie durch Maßnahmen zur besseren Handhabung und Ertragsmaximierung auszugleichen versuchen. Zu diesem Zweck werden die Bienenvölker während des Jahres mehrfach zu günstigen Trachtquellen gebracht (Wanderung) und Eingriffe in das Bienenvolk vorgenommen, welche die natürliche Lebensweise der Bienen hemmt und die Volksentwicklung schwächt.  Konventionelle Imker gleicht dies durch gezielte Zucht und Vereinigung schwacher Völker aus, was nicht dem natürlichen Wesen der Bienen entspricht.

Wanderimker
Wanderimker im Schwarzwald

Die Geschichte der wesensgemäßen Bienenhaltung

Mit der Ausbreitung der Varroamilbe in den 80er Jahren und dem ersten großen Bienensterben in Deutschland stellten einige Imker ihren Umgang und ihr Verständnis zu den Bienen grundlegend in Frage. Im Umfeld der Lehr- und Versuchsimkerei Fischermühle wurde, inspiriert durch die Werke von Ferdinand Gerstungs (1860-1925), eine Betriebsweise entwickelt, die in der Imkerei als art- oder wesensgemäße Bienenhaltung bezeichnet wird. Die daraus von der „Bundesfachgruppe Demeter Bienenhaltung“ entwickelten Richtlinien für die Art der Haltung, dienen seit 1995 der Zertifizierung für Produkte aus Demeter-Bienenhaltung.

„Wesensgemäße Bienenhaltung“ ist ein Paradigma

Der Leitgedanke der wesensgemäßen Bienenhaltung ist der achtsame und respektvolle Umgang mit den Bienen und dem Schutz ihrer selbst bestimmten Gemeinschaft. Das Bienenvolk wird dabei als sich selbst organisierender Superorganismus (dem „Bien“) betrachtet, der höher entwickelte Fähigkeiten aufweist als die Summer seiner Einzeltiere. Ein eindrucksvolles Beispiel ist das Verhalten der Bienen in der Winterruhe. Obwohl sie als Insekten Kaltblüter sind, schaffen es die Tiere als organisierte Gemeinschaft die Temperatur in der Wintertraube wie ein Warmblüter dauerhaft zu halten.

Der Bien erreicht dies durch Gliederung der Gemeinschaft in zahlreiche Unterorganismen, den Arbeiterinnen, Drohnen, Brutpflegerinnen, Wabenbauerinnen, Nährstoffversorgerinnen, den Wächterinnen und der Königin. Die Störung eines Unterorganismus führt zu Schwächung des gesamten Superorganismus und damit zur Herabsetzung der Überlebensfähigkeit aller Tiere. Die Art der wesensgemäßen Bienenhaltung orientiert sich daher maßgeblich an den natürlichen Bedürfnissen des Superorganismus Bien und nicht nur am Schutz der Einzeltiere. Sie erweitert damit den bisherigen Bio-Begriff um den Schutz des Wohls der Gemeinschaft.

Die Unterschiede zu EU-Bio- und konventioneller Bienenhaltung

Angepasster Brutraum und Verzicht auf Reizfütterung

Die künstliche Einengung des Brutraumes ist eine Methode um die Sammelleistung von Völkern kurzzeitig stark zu erhöhen. Der der Königin werden zeitweise keine freien Wabenzellen für Brut zur Verfügung gestellt. Zudem wird das Ausschwärmen des Bienenvolks verhindert. Die fehlende Brut führt zu einer Veralterung des Bienenvolkes, wodurch der Anteil an Flugbienen im Volk steigt. Durch die hohe Anzahl Flugbienen und den Entfall der Ertragsverluste zur Brutfütterung wird die Sammelleistung kurzzeitig stark erhöht. Veralterung hat jedoch den Zusammenbruch der Bienenpopulation zur Folge, was die Tiere besonders anfällig für Krankheiten macht.

In der wesensgemäßen Bienenhaltung wird gänzlich auf diese völkerschädigende Praxis verzichtet. Gleiches gilt für die Reizfütterung mit Zuckerwasser. Durch die Anpassung der Wabenzahl an den Entwicklungsstand des Bien können sich starke Bienenvölker entwickeln. Die Volksentwicklung wird jedoch nicht durch zu kleine Bienenwohnungen begrenzt.

Durchgängiges Brutnest, keine Königinnen-Absperrgitter und vorzugsweise Naturwabenbau

In der konventionellen Bienenhaltung wird zur einfacheren Handhabung der Brutraum großer Völker in kleine Kisten unterteilt. Da Honig ausschließlich von brutfreien Waben geerntet werden darf, versucht man außerdem die Königin durch Absperrgitter vom Honigraum fern zu halten. Die Eingriffe stören das Bienenvolk nachhaltig in ihrer Entwicklung und schwächen es zu Gunsten der Ertragssteigerung. Dabei richten gesunde Völker selbstständig eine räumliche Unterteilung von Honig- und Brutraum ein, die aber Einbußen im Ertrag bringen kann.

Bei der wesensgemäßen Bienenhaltung dürfen die Bienen das Brutnest möglichst ungestört auf großen Waben entwickeln. Das geschlossene Brutbild (vgl. Bild von Wabengassen) erleichtert den Tieren die Versorgung der Brut und ihren Schutz, z.B. vor Milbenbefall. Um das natürliche Brutbild zu erhalten darf die Königin nicht durch Absperrgitter auf einen kleinen Brutraum beschränkt werden. Auch der Ausbau ihrer Behausung wird den Bienen selbst überlassen. Sie bauen alle ihrer Brutwaben selbst und können den Wohnraum ihren eigenen Bedürfnissen anpassen. Im Honigraum können Wachsmittelwände vorgegeben werden, die von den Bienen ausgebaut werden. Darauf wird jedoch vorzugsweise verzichtet.

Wabengasse Hochwaben-Magazinbeut wesensgemäße Imkerei
Wabengassen. Links: Wesensgemäße Hochwabe mit durchgängigem Brutnest (blau) gleichen Alters und einteiligem Honig/Pollenkranz (gelb). Rechts: Konventionelle Zander-Waben aus selber Gasse (übereinander) mit Unterteilung im Brutnest durch Pollenkranz und Gelege unterschiedlichen Alters.

Naturbelassene Königin und Vermehrung durch den Schwarmtrieb

Ein Bienenvolk ist eine selbstbestimmte Gemeinschaft, ein sogenannter Superorganismus und kein „Ersatzteillager“ (Zitat: Thomas Radetzki). Daher werden alte Königinnen nicht durch junge ersetzt, sondern die Völker dürfen still umweiseln. Die Vermehrung erfolgt auf natürlichem Wege durch den Schwarm oder Kunstschwarm. Die Königin bleibt naturbelassen, ihr werden keine Flügel gestutzt!  Auch auf  künstliche Königinnenzucht wird gänzlich verzichtet. Den Zeitpunkt der Vermehrung bestimmt das Volk selbst durch das Anzeigen der Bereitschaft zum Schwärmen.
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